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Dietzenbach
Dietzenbach (DZ/kö) – Leben in den fünf Hochhäusern des östlichen Spessartviertels: Wie funktioniert das? Was denken dort ansässige Menschen über ihr Zuhause? Ein Zuhause, das einst als „Starkenburgring“ traurige Berühmtheit weit über die Stadtgrenzen hinaus erlangte. Hat der soziale Brennpunkt im zurückliegenden Jahrzehnt tatsächlich mehr als Kosmetik erlebt? Nachhaltige Sanierung? Und welche vorherrschenden Gefühle prägen ihn eigentlich, den Alltag zwischen Bahnlinie und Laufacher Straße? Zuversicht und Resignation, Hoffnung und Frust, Illusion und harte Wirklichkeit… Biografien im Spagat.Just dieser „Sicht von innen“ haben sich Samir Amyay und Tijani Errais gewidmet. Zwei Studenten marokkanischer Herkunft, die als Jungspunde nach Deutschland kamen und in Dietzenbach heimisch wurden. Die Beiden, „Kinder des Spessartviertels“, haben Nachbarn befragt. Männer und Frauen aus der Siedlung, individuell in ihrer Sicht auf die Dinge. Doch das, was Amyay und Errais zu hören bekamen, ist zugleich exemplarisch. Gar repräsentativ? Zwölf Menschen, die nicht namentlich genannt werden, geben Einblicke in ihr Denken und Fühlen. Das Ganze firmiert unter dem Titel „Wir wollen, dass ihr uns zuhört“: Ein Buch der außergewöhnlichen Art, ein Dietzenbacher Novum.
Denn bislang, so der Tenor des Autorenduos, sei in der Kreisstadt sehr viel über „das Viertel“ gesprochen worden – aber vergleichsweise wenig mit den Bewohnern. Nun also die um 180 Grad gedrehte Perspektive: Botschaften von drinnen nach draußen. Erklärungsversuche, Hilferufe, Anklagen, Einladungen zum Dialog: All das steckt drin in den Kurzgeschichten, die von Amyay und Errais nach den Interviews zu Papier gebracht wurden. Die Befragten geben Auskunft über die Motive, die sie und ihre (Groß-)Eltern dazu veranlassten, ihr berufliches und privates Glück in der Bundesrepublik zu suchen. Sie erzählen von Hürden auf dem Weg zur Integration, von innerer Zerrissenheit und vom Fluch der ghetto-artigen Barrieren, an denen die Träume vom Hinübergleiten und Hineinwachsen in die deutsche Aufnahme- und Mehrheitsgesellschaft immer und immer wieder zerschellen.
Gewiss: Es gibt auch Passagen, die ein optimistisches Lebensgefühl widerspiegeln. Passagen, in den von Sehnsucht, Verbundenheit, Heimat und vom Glauben an das Multi-Kulti-Gemeinschaftswerk namens „Dietzenbach“ die Rede ist. Doch unterm Strich schmeckt die Essenz von „Wir wollen, dass ihr uns zuhört“ sehr bitter. Am Ende stehen deutlich mehr Fragen als Antworten. Die traurigen Fallbeispiele, kreisend um den Kernbegriff der sozio-kulturellen Spaltung, geben Denkanstöße und schlagen den Bogen zum „großen Ganzen“. Gesellschaftliche Bestandsaufnahme: Warum wurde die wirtschaftlich begründete Masseneinwanderung unter Integrations-Gesichtspunkten derart unzureichend abgefedert? Wieso kam es zu einer Verstetigung der Schieflage? Und was hielt und hält Migranten trotz vielfach schlechter Rahmenbedingungen in Deutschland? Welche Antriebsfedern und Mechanismen sind ausschlaggebend?
Fragen, die sich nach der Lektüre des Buches aufdrängen. Fragen, die, runtergebrochen auf die lokale Ebene, auch in das aktuell vor dem Startschuss befindliche Projekt „Dietzenbacher Integrationskonzept“ einfließen sollten.
Jens Köhler
Das Buch „Wir wollen, dass ihr uns zuhört“, gefördert von der Stadt- und Kreisverwaltung sowie der Nassauischen Heimstätte, ist zum Preis von fünf Euro erhältlich. Wer sich den Lesestoff besorgen möchte, wird in der Volkshochschule, Wilhelm-Leuschner-Straße 33, Telefon (06074) 812266, fündig.