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Egelsbach
Langen (DZ/hs) – Vor ziemlich genau einem Jahr hielt die Welt den Atem an. Denn nachdem am 11. März 2011 in Japan ein Erdbeben einen Tsunami verursacht hatte, wurde in Fukushima das dortige Atomkraftwerk von der Riesenwelle überspült und ein Super-GAU ausgelöst. Das Entsetzen über die furchtbare Reaktor-Katastrophe in Fernost trieb hierzulande zunächst viele Menschen auf die Straßen, die für den Ausstieg aus der offenkundig nicht beherrschbaren Technologie demonstrierten. Doch nachdem die Bundesregierung im Zusammenhang mit der von ihr geplanten Laufzeitverlängerung für hiesige Atommeiler eine Rolle rückwärts hingelegt und das Ende der Atomkraft bis zum Jahr 2022 angekündigt hatte, ebbte der Einsatz für eine nachhaltige Energiewende bei den meisten Bürgern schnell ab, und man ging wieder zur Tagesordnung über. In Langen indes werden bis zum heutigen Tag regelmäßige Mahnwachen abgehalten. Und das ist in erster Linie Franz Scheidel zu verdanken, dem nimmermüden Organisator der zunächst wöchentlichen und seit einem halben Jahr monatlichen Zusammenkünfte auf dem Lutherplatz.Deren 21. Auflage ging am Montag über die Bühne, und immerhin mehr als 40 Personen setzten getreu dem Motto „Atomkraft – Nein danke!“ ein Zeichen für ein Leben ohne Nuklearstrom. Mit dieser Resonanz ist Scheidel, dessen Engagement dadurch erschwert wird, „dass die direkte Bedrohung des Einzelnen durch die Atomenergie so schlecht fassbar ist“, nicht unzufrieden: „Wichtig ist, dass die Sache nicht einschläft, denn wenn wir den endgültigen Ausstieg aus der Kernenergie jetzt wollen, dann dürfen wir in unseren Aktionen auf gar keinen Fall nachlassen.“
Der 59-Jährige, der schon Anfang der 80er Jahre an den Demonstrationen gegen das AKW Brokdorf teilgenommen hatte, ist nämlich der Meinung, dass die Entscheidung der Bundesregierung nicht logisch ist. „Wenn die Gefahren der Atomkraft so groß sind, dass letztendlich alle Kraftwerke abgeschaltet werden sollen, dann kann man einen Teil davon doch nicht noch zehn weitere Jahre laufen lassen“, spricht sich Scheidel für einen schnellen, unumkehrbaren Atomausstieg aus. Andernfalls bestünde nämlich die Gefahr, dass eine künftige Regierung das atomare Rad wieder zurückdrehen könnte.
Das aber müsse unter allen Umständen vermieden werden, will der Langener Anti-AKW-Aktivist, der auch regelmäßig demente Menschen betreut, um deren Angehörige zu entlasten, die Erfahrungen nach dem Super-GAU in Tschernobyl vom 26. April 1986 nicht noch einmal machen: „Damals musste man genau überlegen, ob die Kinder draußen spielen dürfen und was man isst.“ Und folglich müssten jetzt „die Weichen für eine Wende hin zu einer dezentralen Energieversorgung mit der Hauptsäule erneuerbare Energien“ gestellt werden.
Wie das gehen kann, machte Scheidel am Montag während der Mahnwache deutlich. Da trug er einen in einer Zeitschrift gefundenen Beitrag über vier „Helden der Energiewende“ vor, „die alle dem Ziel verpflichtet sind, eine Stromversorgung aus 100 Prozent erneuerbaren Energien in dezentraler Organisation darzustellen“. Solche Vorbilder seien enorm wichtig, um deutlich zu machen, dass die Lichter auch ohne die gefährliche Nukleartechnologie nicht ausgehen werden, so der im Vorruhestand befindliche rührige Frontmann der Initiative „Langen gegen Atomkraft“.
Diese beschränkt sich im Übrigen nicht nur auf die Organisation der Mahnwachen, sondern hat sich auch an diversen überregionalen Demonstrationen beteiligt und im vorigen September eine Unterschriften-Aktion gestartet. Selbige hat das Ziel, die Langener Stadtwerke in einen reinen Ökostrom-Anbieter umzuformen und wurde bislang von rund 600 Leuten unterstützt.
Ebenso zufrieden wie über diese Zahl ist Franz Scheidel darüber, dass mittlerweile die Anti-Atomkraft-Gruppen aus Langen, Dreieich, Neu-Isenburg und Dietzenbach eine engere Zusammenarbeit vereinbart haben. Und noch mehr würde es ihn freuen, wenn jeder Einzelne möglichst bald seine private Energiewende einläuten würde. „Auf Ökostrom setzen, Initiativen für erneuerbare Energien unterstützen und gegebenenfalls die Bank wechseln, denn die Großbanken sind alle in Atomprojekte verstrickt“, lautet Scheidels Handlungsstrategie.
Die Initiative „Langen gegen Atomkraft“ trifft sich in der Regel an jedem 1. Mittwoch eines Monats ab 19.30 Uhr im Domizil der Johannesgemeinde, Carl-Ulrich-Straße 4.