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Langen

„HASE DA NOCH TÖNE“, mögen sich wortspiel-geneigte, aber nicht ganz gattungsfeste Zeitgenossen angesichts der 40 Kaninchen fragen, die zurzeit in den Gehegen von Birgit Sallers „Kanincheninsel“ unter anderem leckere Haselnusszweige mümmeln und ansonsten auf ein schönes neues Zuhause hoffen. (DZ-Foto: Jordan)
Egelsbach (DZ/hs) – Wenn Kinder gerne ein Haustier hätten, stehen Kaninchen zumeist hoch im Kurs. Kein Wunder: Die kleinen Nager mit den großen Augen und dem weichen Fell haben einen enorm hohen „Ach wie süß“-Faktor und bedienen somit das berühmte Kindchenschema nahezu perfekt. Dabei sind die Langohren als „Spielkameraden“ für den Nachwuchs eigentlich gänzlich ungeeignet. Sagt zumindest Birgit Saller. „Kaninchen wollen von uns Menschen nicht angefasst oder geschmust werden und sind auch noch dämmerungsaktiv“, betont die Frau, die es wissen muss. Denn die Egelsbacherin beherbergt bei sich zuhause zurzeit rund 40 Mümmelmänner und -frauen.
Diese erstaunlich hohe Zahl an hoppelnden Herzensbrechern ist indes nicht etwa der Tatsache geschuldet, dass Saller die sagenumwobene Fortpflanzungsfähigkeit der kleinen Rammler unterschätzt hätte. Nein, die 48-Jährige ist vielmehr Betreiberin der von ihr selbst vor vier Jahren ins Leben gerufenen „Kanincheninsel“, die seither als Auffangstation für ausgesetzte, nicht mehr gewollte oder schlecht behandelte Karnickel fungiert. Davon gibt es mehr als genug, denn allein in Sachen Haltung unterlaufen vielen zweibeinigen Besitzern laut Saller „immer wieder die gleichen Fehler“.
Dazu zählt die Expertin vor allem die Unterbringung dieser Tiere in Käfigen oder Ställen. „Kaninchen sind so bewegungsfreudig, dass sie mindestens eine Fläche von zwei Quadratmetern brauchen, um sich wohlzufühlen“, weiß Saller, die in diesem Zusammenhang daran erinnert, „dass ja auch niemand auf die Idee käme, eine Katze in einen Käfig zu sperren“. Ebenso vehement kritisiert sie, dass die „Fellnasen“ sehr oft allein gehalten würden: „Das ist nicht artgerecht, denn es sind sehr gesellige Kreaturen, die daher mindestens einen Partner brauchen.“ Entgegen der weit verbreiteten Auffassung taugen Meerschweinchen als „wandelnder Sozialkontakt“ übrigens nicht. „Das sind unterschiedliche Tierarten, die sich nicht miteinander verständigen können“, betont Saller.
Noch mehr als „Einzelhaft“ und Käfighaltung bringt die Kämpferin für ein lebenswertes Kaninchenleben indes das Verhalten von Züchtern und Mitarbeitern von Zoogeschäften auf die Palme. Die Erstgenannten würden nicht selten „perverse Qualzüchtungen für verzogene Gören, die alles bekommen, was sie haben wollen“, auf den Markt bringen, Letztere die nackt und blind auf die Welt kommenden Jungen der Nager viel zu früh von der Mutter trennen und verkaufen. „Da kann man oft noch nicht das Geschlecht bestimmen, und wenn dann ein Männchen und ein Weibchen zusammen sind, gibt’s schnell Nachwuchs“, landet dieser dann bes-tenfalls in Birgit Sallers „Kanincheninsel“.
Diese private „Notfellchen“-Station, die ohne jegliche Zuschüsse auskommt, besteht aus vier zwischen sechs und 25 Quadratmeter großen Gehegen, die im Garten der Sallers stehen. In einem tummeln sich Jungtiere, das zweite wird von der menschlichen Amme als „Renter-WG“ bezeichnet, denn dessen Bewohner sind alt und mit körperlichen Beeinträchtigungen behaftet und damit nicht mehr vermittelbar. Dann gibt’s noch eine Quarantäne-Station für Neuzugänge, und in der vierten Unterkunft sind die übrigen Tiere zu finden, die übrigens allesamt geimpft und (so es sich um Rammler handelt) kastriert sind.
Dass dies wie alle anderen Untersuchungen von einer Tierärztin erledigt wird, versteht sich von selbst, erklärt aber auch, warum die Frau, die – natürlich – Mitglied des Vereins „Kaninchenschutz“ ist, pro Monat im Schnitt rund 600 Euro für ihre kleinen Lieblinge aufwendet. Zudem investiert die verheiratete Mutter von vier Kindern („Die kommen leider manchmal zu kurz“) jede Menge Zeit im Bemühen, „meinen Mümmels ein schönes und vor allem artgerechtes Leben zu ermöglichen“: Um 5 Uhr steht Saller auf, versorgt erst ihre Zöglinge mit Wasser und Heu, weckt anschließend die Kinder, geht mit dem Hund Gassi und dann ihrem Vollzeitjob als Verwaltungsangestellte nach.
Kommt sie von der Arbeit nach Hause, kann Birgit Saller noch immer nicht die Füße hochlegen. Schließlich steht abends die Reinigung der Gehege, die zudem an jedem Wochenende „generalüberholt“ werden, und die Versorgung der Tiere mit frischem Futter – dafür eignen sich alle Gemüsesorten außer Kohl – auf dem Programm. Angesichts dieser Stundentafel wird zweierlei nachvollziehbar: Zum einen die Behauptung der Egelsbacherin, „dass Kaninchen mehr Pflege benötigen als Hunde oder Katzen“. Und zum anderen, dass „mir jedesmal das Herz blutet, wenn ich eines der Tiere abgebe“.
Gleichwohl ist die Vermittlung der Fellträger in gute Hände ein Hauptanliegen der engagierten Frau. Damit ihre Schützlinge aber nicht vom früheren Unterkunftsregen in eine künftige Domizil-Traufe kommen, „achte ich sehr darauf, wo meine Pfleglinge einziehen, wenn sie mich verlassen“. Entweder inspiziert Saller das neue Zuhause der Langohren selbst oder sie schickt – falls dies weiter weg sein sollte – Freunde des „Kaninchenschutz“-Vereins vorbei. Oberste Maxime ist, dass ihre Pfleglinge nicht in Käfig-, Stall- oder Einzelhaltung landen.
Denn das, streicht Birgit Saller, die in ihrem Garten ein fünftes Gehege errichten will und sich daher über Geld- und Sachspenden wie Gehwegplatten, Volieredraht, Holz und Schrauben mächtig freuen würde, nochmals heraus, „haben diese goldigen Tiere einfach nicht verdient“.
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Birgit Saller hat ein „Kaninchen-Sorgentelefon“ eingerichtet, das unter der Rufnummer (06103) 947045 erreichbar ist, weitere Infos gibt’s im Internet (www.kanincheninsel-egelsbach.de).